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18.02.2011 - Automobil Revue Jaguar: Stilfrage
Bertone denkt an Jaguar – und zeigt in Genf eine kleine Limousine, die den blassen X-Type beerben könnte.
Katzenjammer in Mumbai? Nach dem Kauf der Brit-Marken Jaguar und Land Rover durch die indische Tata-Group im März 2008 ging es – nicht zuletzt durch die folgende Wirtschaftskrise – erst mal steil bergab mit den Absatzzahlen. Sollte sich das Siechtum der Ford-Ära fortsetzen? Heute ist davon keine Rede mehr, verkaufen sich beide Marken wieder wie warme Weggli. Auch Jaguar, von Altlasten wie dem X-Type (2001–2009) befreit, kann sich wieder voll aufs Luxussegment konzentrieren, wo die Marke ja auch hingehört.
Auch in der Schweiz zählt Jaguar zu den Gewinnern: 2010 wurden bei uns knapp 600 Einheiten unter das wohlhabende Volk gebracht. Das Rückgrat bildet aktuell die obere Mittelklasse XF; seit 2008 ist die auch mit Dieselmotoren zu haben. Darüber parkt (mit zwei Radständen) der opulente XJ aus Aluminium. Auch der leicht gebaute XK erfreut sich nach über fünf Jahren reger Beliebtheit, die mit neuen Sondermodellen unterstützt wird.
Was dagegen fehlt, ist ein fünftüriger XF Estate und ein kleiner Roadster im Stil der tollen F-Type-Studie aus dem Jahr 2000. An beiden wird schon länger gearbeitet, während die elektrische Sportwagen-Studie C-X75 mit Turbinen-Range-Extender (AR 40/2010) den Weg der meisten Concept Cars geht und in der Asservatenkammer verschwindet.
Ja oder Nein Einem neuen «Baby-Jag» erteilte man zuletzt eine Absage: Der mässig erfolgreiche X-Type auf Ford-Mondeo-Basis ist noch gegenwärtig, hat dem Markenimage mehr geschadet als geholfen. Eine andere Denke ist gefragt, und wer Jaguar-Chef Ralf Speth letzten Herbst genau zugehört hat, konnte die nächste Kompakt-Limousine für das D-Segment wittern: «Wir werden keinen neuen X-Type haben. Sondern machen einen kleinen Jaguar. Grössenmässig gleich, aber nicht vom Volumen her. Wir wollen einen echten Jaguar, und der kann nur in kleinen Stückzahlen vertrieben werden. Es wird aber noch Zeit brauchen, dieses Auto ausreifen zu lassen.»
Die italienische Designschmiede Bertone ist da gerne behilflich – und greift diesen Ansatz auf dem Genfer Salon mit einer Studie auf, die Katzenliebhabern das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Die englische Verbindung zum italienischen Karosseriespezialisten hat eine lange Tradition: Schon 1957 kleidete man einen XK150 neu ein und verkaufte ihn in Kleinstserie. 1966 gab es das Konzept Jaguar FT, ein Jahr später den Pirana (der dann optisch den Lamborghini Espada vorwegnahm), und 1977 den kantigen Ascot auf XJ-S-Basis.
Überzeugend Die neue, 450 cm lange, 195 cm breite und 135 cm flache Studie besteht weitgehend aus Aluminium und nennt sich B99 – ein stolzer Hinweis auf das nunmehr 99-jährige Bestehen der Carrozzeria Bertone.
Der B99 ist jedoch kein rein italienisches Wunschdenken: Dem Vernehmen nach pflegen Firmenchefin Lilli Bertone und Tata-Motors-Vorstand Carl-Peter Forster seit dessen Opel-Zeiten ein freundschaftliches Verhältnis; sie haben sich 2010 auf dieses voll von Bertone finanzierte Projekt verständigt, um Publikumsreaktionen zu testen.
Angesichts ausgewogener, kraftvoller Proportionen können die eigentlich nur positiv ausfallen: Die Bertone-Stilisten um Chefdesigner Mike Robinson haben es verstanden, das eher spröde Thema Viertürer-Stufenheck mit Emotion zu verbinden: «Es ist aus unserer Sicht ein typischer Jaguar», sagt Robinson. Die bewusste Reduktion der Linien auf ganz wenige, aber wohl gewählte Konturen ist da Programm: Bertone spricht von einem «minimalistischen Luxury Sports Sedan». Tatsächlich treffen sich hier Tradition und Moderne, macht der B99 optisch Lust aufs Autofahren.
Auch die sportlichen Jaguar-Wurzeln hat Bertone nicht vergessen: Neben dem B99 steht eine zweite, aggressiv gestylte GT2-Version auf 18-Zöllern, die vor Spoilern nur so strotzt.
Plug-in-Hybrid Für eine umweltpolitisch vorbildliche Fortbewegung ist der B99 mit einem modularen Hybridsystem ausgestattet, das die hauseigene, seit 20 Jahren forschende Abteilung Bertone Energy selbst entwickelt hat: Neben einem Range-Extender unter der Fronthaube – das könnten ein 1,2-L-Zweizylinder-Diesel, ein ebenso kleiner Benziner, aber auch die beiden jeweils 35 kg wiegenden Gasturbinen aus dem C-X75 sein – gibt es innerhalb der hinteren 20-Zoll-Felgen je einen 100 kW leistenden E-Motor vom italienischen Hersteller Lucchi. Die Energie kommt von Li-Ion-Batterien; Getriebe oder Kardanwelle fehlen im B99 also völlig. Geht man von 1600 kg Leergewicht aus, sind Fahrleistungen jenseits von 250 km/h vorstellbar. Positiver Nebeneffekt: Der Jaguar-Leaper springt so äusserst sauber in die Zukunft.
Billigend teuer Hinten angeschlagene Fondtüren sind dagegen eher Träumerei, dürften es angesichts hoher Produktionskosten kaum in die Serie schaffen. Es sein denn, Jaguar würde den stilvollen Brit-Luxus mit Leder, Flauschteppichen und Edelhölzern konsequent downsizen, aber zu Oberklasse-Preisen feilbieten. Schliesslich will die Kundschaft heute sozialverträglich geniessen – und trotzdem auf nichts verzichten. Wie gut das funktioniert, erlebt Tata gerade mit dem Evoque: Obwohl der nur 435 cm lange Mini-Range-Rover erst im Herbst lanciert wird, soll er laut Hersteller bereits über Monate ausverkauft sein.

